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Männerbewegung: Wo bleiben die Schwulen? PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Matthias Buser   
07. Juni 2011

Während Lesben in der Frauenbewegung von Anfang an eine wichtige Rolle spielten, hält sich das Interesse der Schwulen an der Männerbewegung in Grenzen. Das ist schade, da schwule Aktivisten ausgezeichnet vernetzt und in Sachen Lobbyarbeit erfahren sind und somit eine willkommene Unterstützung böten. Die magere Beteiligung von Schwulen an der Männerbewegung liegt meinem Eindruck nach an einer ganzen Reihe von Gründen. Es beginnt schon damit, dass Schwule oft vergessen, dass sie nicht nur schwul, sondern auch Männer sind. Logischerweise fühlen sie sich dann auch nicht angesprochen. Auch ich habe mich lange Zeit überhaupt nicht als Mann definiert, sondern als Schwuler. Auf Mannsein hatte ich bei dem schlechten Image, das Männern anhaftetete, und auf die Vorwürfe und die Rolle des Sündenbocks nun überhaupt keine Lust. Schwule galten ja immerhin noch als Opfer wie die Frauen und Opfersein war gut. So wurde es einem vermittelt. Die Täterrolle überließ ich gerne den Heteromännern. Schließlich waren es ja auch heterosexuelle Jungen, unter denen ich als Kind und als Jugendlicher gelitten habe. So konnte ich mich in die Illusion flüchten, dass mich als Schwuler das alles gar nicht betrifft und die Welt war für mich vorerst in Ordnung. Ich bin mir sicher, dass ich nicht der einzige Schwule war, der diese Strategie wählte.
Neuerdings wird alles Schwule, Lesbische, Transsexuelle und sonstwie Andersartige unter dem Begriff „queer“ zusammengefasst. Darin sehe ich erstmal nichts Schlechtes, sondern finde es gut, wenn sich Minderheiten mit ähnlichen Problemen zusammenschließen. Ich habe nur den Eindruck, dass dies für viele Schwule nur wieder eine Möglichkeit ist, sich auch weiterhin davor drücken zu können, sich der Realität als Mann zu stellen.

Ein weiterer Grund, weshalb sich Schwule nicht für die Männerbewegung interessieren, dürfte darin liegen, dass die Männerbewegung oft als Väterbewegung auftritt, womit das Interesse aufseiten der Schwulen entsprechend klein ist. Tatsächlich spielen Themen rund um die Vaterschaft die Hauptrolle in der Männerbewegung und viele Aktivisten kümmern sich ausschließlich um diesen Bereich. Man nennt sie dann Väterrechtler. Von dieser Problematik sind Schwule in der Tat sehr selten direkt betroffen. Aber es gibt ja noch viel mehr Themen, die in der Bewegung auch immer mehr Beachtung finden, zum Beispiel die Wehrpflicht, das höhere Rentenalter, die schlechtere Gesundheitsvorsorge sowie das negative Männerbild in den Medien. Von diesen Themen sind Schwule gleichermaßen betroffen, wobei beim Männerbild in den Medien Schwule sich wieder mal nicht mitgemeint fühlen dürfen, da Schwule ein eigenes Image haben und sich einreden können, das Männerbild in den Medien bezöge sich nur auf Heteromänner.

Aber es kommt noch etwas Wichtiges hinzu: Lesben sagen gerne, sie seien doppelt benachteiligt, als Frau und als Lesbe. Doch wenn das so ist, dann sind beziehungsweise waren Schwule sogar dreifach benachteiligt: Als Männer gegenüber Frauen, als Homosexuelle gegenüber Heterosexuellen und als Schwule gegenüber Lesben! Denn wenn wir in der Geschichte zurückblicken – und in vielen Ländern der Welt ist es heute noch so – stellen wir fest, dass Schwule meistens stärker unterdrückt und verfolgt wurden als Lesben, was auch als eine Form von Männerbenachteiligung gelten muss. So gab es in Deutschland lange Zeit den Paragrafen 175, der nur gleichgeschlechtlichen Sex unter Männern bestrafte. Woran diese Ungleichbehandlung von Schwulen und Lesben liegt, ist unklar. Aber auch hier spielt das Geschlecht offenbar eine wichtige Rolle und somit ist das auch ein Thema für die Männerbewegung.

Einen weiteren wichtigen Grund für das Ausbleiben von Schwulen als Mitstreiter sehe ich darin, dass Schwule die Männerbewegung für schwulenfeindlich halten. Teilweise dürfte dieses Vorurteil eine Folge von Verleumdung sein, da die Gegner der Männerbewegung nicht müde werden, diese als schwulenfeindlich, frauenfeindlich und rechtsextrem zu verunglimpfen. Klar, Schwulenfeindlichkeit kommt leider vor. Auch ich musste mich zuerst an den  Tonfall und an längst überwunden geglaubte Ansichten und Vorurteile in gewissen Foren gewöhnen. Aber das Problem ist viel grundsätzlicher: Ein Teil der Männerbewegung besteht aus Konservativen, die keine Gleichberechtigung der Geschlechter wollen, sondern die traditionelle Rollenverteilung der Geschlechter auch rechtlich verankert sehen wollen. In diesem Weltbild haben Schwule logischerweise keinen Platz, erst recht nicht, wenn sie Gleichberechtigung bei der Ehe und bei der Adoption fordern. Allerdings ist das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare auch bei weniger oder gar nicht konservativen Männerrechtlern umstritten. Viele machen sich Sorgen um das Kindeswohl, was ja auch in Ordnung ist. Nicht jeder, der die Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare nicht gut findet, ist gleich ein Schwulenfeind.

Natürlich hat niemand Lust, sich einer Bewegung anzuschließen, in der er erstmal um Anerkennung kämpfen muss. Aber das ist auch nicht nötig, da es genug Organisationen gibt, wo Schwule als Mitstreiter willkommen sind. Schwule sollten sich durch die Äußerungen einzelner Männerrechtler oder Antifeministen nicht abschrecken lassen!

Einen letzten Grund für das ausbleibende Engagement der Schwulen in der Männerbewegung sehe ich in deren Verstrickung mit dem Feminismus. Die Schwulen- und die Frauenbewegung fanden weitgehend parallel statt. Wichtigstes Bindeglied dabei waren und sind Lesben. Man sah sich teilweise im selben Boot mit dem heterosexuellen Mann als gemeinsamem Feind und der Abschaffung des Patriarchats als gemeinsamem Ziel. Kommt hinzu, dass viele Schwule Frauen verehren. Und obwohl Schwule auf Frauen überhaupt nicht angewiesen sind, gefallen sich viele Schwule in der Rolle der Frauenfreunde und wollen das gute Verhältnis zu Frauen nicht aufs Spiel setzen. Diese Verstrickung ist aber auch ein Grund, weshalb Schwule von einem Teil der Männerrechtler als Teil des Gegners betrachtet werden.

Es bleibt abzuwarten, ob Schwule weiterhin den Kopf in den Sand stecken werden, oder ob sie sich endlich auch für sich als Männer einsetzen werden. Dazu beitragen könnte auch, dass Schwule mehr und mehr vom Feminismus genervt sind. So haben lesbische Feministinnen erreicht, dass das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten HomosexuellenH in Berlin nicht nur küssende Schwule zeigt, sondern abwechselnd auch küssende Lesben, und das, obwohl nur Schwule wegen ihrer sexuellen Orientierung von den Nationalsozialisten wirklich verfolgt wurden und ins Konzentrationslager kamen. Und in München sollte der Christopher-Street-Day 2011 wegen der Lesben in Christina-Street-Day umbenannt werden. Aber erstens hieß die Straße einfach so und zweitens waren es Männer, nicht Frauen, die sich im Juni 1969 in der New Yorker Christopher Street gegen Polizeiwillkür zur Wehr setzten und damit die moderne Schwulenbewegung in Gang setzten.

Natürlich wird ein „Überlaufen“ der Schwulen zur Männerbewegung zu Brüchen innerhalb der Queerbewegung führen. Gleichzeitig könnte dies auch innerhalb der Männerbewegung zu mehr Spannungen zwischen den verschiedenen Kräften führen. Aber schon heute ist die Bewegung sehr heterogen und die Übergänge zwischen den einzelnen Fraktionen sind fließend. Eine Männerbewegung jedenfalls, die für die Gleichberechtigung der Geschlechter einsteht, sollte für alle Männer da sein, die aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt werden, also auch für Schwule. Und im Grunde geht es immer ums Geschlecht. Denn wenn ein Mann keinen Mann heiraten darf, eine Frau dies aber darf, wird der Mann aufgrund des Geschlechts benachteiligt. Darin zeigt sich aber auch, dass eine Männerbewegung einseitig ist, weil es Lesben ja genauso geht. Wünschenswert wäre deshalb eine geschlechtsunabhängige Bewegung, die sich allgemein für die Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzt und auch die Anliegen der Homosexuellen, Intersexuellen und Transsexuellen berücksichtigen würde. Die Aktivisten wären jeweils einfach auf ihrem speziellen Gebiet tätig, würden sich aber gegenseitig ergänzen. Trotzdem finde ich eine gewisse Einseitigkeit notwendig, um ein Gegengewicht zu schaffen zu der jahrzehntelangen einseitigen Frauenförderung. Deshalb bin ich sehr froh, dass in den letzten Jahren eine Männerbewegung herangewachsen ist, die diese Bezeichnung verdient. Es wäre schön, wenn die Schwulen auch mitmachen würden!

 

Aktuelles

Streit um die Gleichstellungsbeauftragte in Goslar

Monika Ebeling ist Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Goslar sowie Leiterin des Kindergartens Löwenzahn in Jerstedt. Als eine von wenigen Gleichstellungsbeauftragten möchte sie, dass Gleichstellungsarbeit die Belange von Frauen und Männern gleichermaßen in den Blick nimmt. Gleichstellungsarbeit darf ihrer Ansicht nach nicht nur von einer Hand voll Frauen definiert werden und Gleichstellungsbeauftragte sollen demnach keine Frauenbeauftragten im klassischen Sinne sein.

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Zukunftstag für Jungen und Mädchen

MANNdat berichtet:

"Zum ersten Mal in der 10jährigen Geschichte des Zukunftstages dürfen Jungen am 14. April dieses Jahres bundesweit daran teilhaben. In einem Brief an die Bundesjugendministerin Schröder (CDU) dankt ihr MANNdat e.V.  für die Entscheidung, die Ausgrenzung von Jungen zu beenden und aus dem Girls-Day endlich einen bundesweiten Girls´- & Boys´Day zu machen ..."

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Piratenzeitung Titelthema: Jungs – wie wir sie benachteiligen

Die erste Ausgabe des "Kompass" ist da! Titelthema: "Jungs – wie wir sie benachteiligen."

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Petition an den Bundestag: Änderung des Bundes-Gleichstellungsgesetzes

Im Petitionsforum des Deutschen Bundestages gibt es eine Online-Petition zum mitzeichnen:

Gleichstellungsrecht - Änderung des Bundes-Gleichstellungsgesetzes hinsichtlich des aktiven und passiven Wahlrechts: Der Deutsche Bundestag möge beschließen ... dass das Bundes-Gleichstellungsgesetz (BGleiG) hinsichtlich des aktiven und passiven Wahlrechts geändert wird.

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PISA-Studie bestätigt eklatante Vernachlässigung von Jungen

Eine Pressemitteilung von MANNdat, Geschlechterpolitische Initiative e.V.

"Schon im Jahr 2000 hat die erste PISA- Studie Jungen-Leseförderung als wichtige bildungspolitische Herausforderung angemahnt. In der neuen PISA-Studie 2009 sind die Nachteile von Jungen im Lesen gegenüber den Mädchen nun sogar noch größer wie vor neun Jahren. Die Differenz vergrößerte sich von 35 Punkten auf 40 Punkte, d.h. etwa ein ganzes Schuljahr Rückstand. Die Bildungspolitik hat also in den letzten neun Jahren nichts Effektives getan, um die eklatanten Nachteile von Jungen im Lesen zu beseitigen."

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